Tóth Krisztina költő, író, műfordító

Fotó: Bulla Bea     

Das Federpennal

 

(Bundesdeutsch: Das Federmäppchen)

(Eine Richtlinie)

Aus dem Ungarischen ins Österreichische übersetzt von György Buda

Ich war Kind zur Zeit der indigoblauen Schulkittel und indigoblau eingeschlagenen Hefte und Schulbücher. Im riesigen Schulgebäude roch es stets nach gekochtem Gemüse, der Geruch wallte aus dem Speisesaal hoch und vermischte sich mit dem Geruch nach schwitzigen Kinderkörpern und gummierten Turnschuhen. Der ebenerdige neonbeleuchtete und hallende Turnsaal vermochte übrigens trotz seiner ungeheueren Ausmaßen nicht die mehreren Hundert Schüler, die hierher kamen, zu fassen; hatten mehrere Klassen gleichzeitig Leibeserziehung, mußte eine Gruppe immer „Treppeln“. Wir liefen auf der rechten Seite des Gebäudes in Einerreihe in den zweiten Stock hinauf, dann durch den langen und breiten Verbindungsgang zum hinteren Stiegenhaus und auf der linken Seite wieder hinunter. Dann aufs neue. Sechsmal, siebenmal, achtmal, neunmal, bis die Doppelstunde Turnen zu Ende war, bis die gleichmütig dahinlaufenden grauen Kunststeintreppen vor unserem von beißendem Schweiß getrübten Blick zu einer einzigen unendlichen Rolltreppe zusammenflossen. Die einzelnen Runden wurden uns von den immer wieder auftauchenden Mustern und abgescheuerten Stellen angezeigt, sechs, sieben, acht, neun, ich sehe den Spalt zum sechsten Mal, zum siebenten Mal kommt die Treppe mit der abgebrochenen Ecke, zum achten Mal der Hundekopf, zum neunten Mal die wiegenförmige Einbuchtung. Im Obergeschoß angekommen durfte jeder vor der hinteren Stiege innehaltend ein paar Sekunden ruhen, auch die besten Läufer keuchten und schnauften, und bei der zehnten Runde tatschte keiner mehr auf die glänzend polierte bronzene Glatze Sándor Nógrádis, die sonst in dieser Kehre recht handlich war.

Zum Schluß traten wir auf dem Schulhof an. Habt Acht! Gerötete Oberschenkel, blaurot angelaufene Gesichter, hinuntergerutschte Socken. Die Mädchen hielten sich die Seiten, die Buben schimpften, der Gulyás spuckte auf den Beton. In einer Reihe ausrichten! Die Gumminasen der Turnschuhe bildeten eine Linie zwischen den zwei großen Kastanienbäumen. Ruht, Abtreten!

Die Wurzeln des Baumes zur Rechten, zum Speisesaal hin, haben den Betonbelag angehoben, in den Ritzen hatte sich Gras angesiedelt, ich stocherte in den Pausen mit den Grashalmen in den Ameisengängen herum. Hier ist voriges Jahr der Rudas gestürzt. Wir spielten Fangen, rannten um den meterdicken Stamm herum, dann lief ich auf die andere Seite hinüber, wo man über die hohe Ziegelmauer auf den Gang des benachbarten Zinshauses sah. Roland Rudas kam plötzlich hinter dem Baum hervorgeschossen, Kinderhände griffen nach seinem Gewand, aber er wurde noch schneller, wollte mit einem schnellen Haken die Richtung ändern, als er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach hinfiel. Er stand sofort wieder auf, blickte um sich und es war, als lachte er, sein Mund öffnete sich, doch war es dann sogar aus der Entfernung zu sehen, wie sein Kinn schlagartig von Blut überströmt wurde. Ich starrte ihn verdutzt an, immer mehr Kinder umringten ihn, sie reichten ihm Papiertaschentücher, er hielt sich den Mund und schaukelte vor und zurück: ich beobachtete die turbulente Szene wie einen Stummfilm in Zeitlupe, dessen Akteure ich ganz zufällig kannte. An die Stelle des abgebrochenen Zahns kam später eine große gelbe, zu den Kinderzähnen gar nicht passende Krone. Als ich ihn einmal schon als Erwachsenen traf, suchte ich in seinem Gesicht nach der aus unseren Kindertagen bekannten Dissonanz, der übertrieben große und glanzlose Zahn fehlte, der seit dem Unfall zu seinem Lächeln gehörte.

„Wer hat den Rudas gestoßen?“ fragte Frau Vera, unsere Lehrerin. Wir verstummten plötzlich, zwanzig verdatterte Kinder sahen einander mit großen Augen an, was passiert denn jetzt? Rudas hob das von Blut und Tränen verschmierte Gesicht, er blickte uns der Reihe nach an, überlegte, sein Blick sprang hierher und dorthin, wie der Fußball, der zwischen zwei gegenüberliegenden steinernen Mauern hin und her pendelt. Wir standen im Kreis, sein Blick schaukelte noch immer unentschlossen über den Köpfen, dann blieb er an mir haften. Ein Moment wie ein Standbild, wir starrten einander durch die leere Luft an und ich spürte dabei nichts, wenn nicht das eine, daß es Geschichten gibt und dazwischen das Schicksal, und daß dieses besagte Schicksal zuweilen gar nichts mit den Geschichten selbst zu tun hat, daß das Schicksal seine eigenen Geschichten und Zeiten besitzt, und daß diese Zeit nun stehengeblieben war, nur mein Herz klopfte stark, nein, nicht mehr vom Laufen, vielmehr von diesem Etwas, das ich zuvor Schicksal genannt habe, was ich damals aber noch gar nicht benennen konnte, es war eher nur eine Art Ahnung, ein Vorgefühl, das mir nicht erlaubte, den Blick in diesem langen, angehaltenen Moment zu senken oder abzuwenden. Dann hob sich der weiße Kinderarm unversehens in die Höhe und die Hand deutete auf mich. Ich hörte meinen Namen, den Namen, bei dem ich im allgemeinen aufzustehen und aus der Bank zu treten hatte, und mit der Stimme des zu diesem Namen gehörenden Körpers sagen mußte: Anwesend. Das also ist die Anwesenheit, dieser unwahrscheinlich weite Schulhof mit den Kastanienbäumen und mit der Hand, die durch die Luft auf mich deutet, und der Name wird von nun an immer und unabänderlich die Person bezeichnen, die den Roland Rudas umgestoßen hat, die verstockt schwieg und immer nur auf die auseinanderstrebenden Wurzeln schaute, weil sie es sich nicht vorstellen konnte, was sie in Biologie gelernt hatte, daß die Wurzeln der Bäume unter dem Erdboden genau so weit verzweigt sind wie die Krone. Sie konnte sich diese Spiegelwelt nie vorstellen, wie sich nach der Symmetrie der Spielkarten die Äste und Zweige, das von Maden und Larven bevölkerte andersweltliche Schattenlaub unterirdisch ausbreitet. Der zum Namen gehörende Körper schwieg auch später, er antwortete auf die Fragen der Lehrerin mit einem unbotmäßigen Schweigen und unbewegtem, leerem Blick, sie aber begann ihren Namen derart unordentlich und vergeßlich zu tragen wie den Turnsack oder die Strickweste, die sie immer wieder irgendwo liegen ließ. Sie wurde zur Akteurin des seltsamen Films, das auf dem Schulhof spielte und vom Ich betrachtet wurde, in welchen Film eine Sie für schuldig befunden wurde und den nunmehr Ich, der Name, fortsetzen mußte, alle indigoblauen Tage lang.

In der Musikstunde mußte ich den zu mir gehörenden Namen singen. Das fand ich albern und erniedrigend, ich hatte keine Singstimme, doch sang ich den Namen vor, als ich aufgerufen wurde. Und ich wurde sehr wohl aufgerufen, gleich nach Szatmári kam ich dran. Auf dem Pult lagen die Hefte „Pentatonische Musik“ und „Dreihundertdreiunddreißig Leseübungen“ peinlich genau ausgerichtet aufeinander. „Heute haben wir Chorprobe“, kündigte Herr Oszi an, alle drei Klassen bleiben hier. Wir gehen in den Turnsaal hinunter.“

Jeder ließ seine Sachen oben, und die Klasse pferchte sich ein zwischen Sprungkästen und Bodenmatten. Wir lärmten und warteten, einige kletterten auf die Sprossenwand, auch ein Medizinball kam zum Vorschein. Wir mußten uns auf die Jahresabschlußfeier vorbereiten, unter den Schulen des Bezirkes war uns die Ehre zuteil geworden, im Kino Roter Stern vor der Verleihung der Auszeichnungen ein Programm darzubieten. „Klasse, habt Acht! In Zweierreihen anstellen. Hier können wir nicht proben, wir gehen doch hinauf in den Saal, wir werden eben Stühle aus den anderen Klassen holen.“

Wir trafen unter Getümmel ein, ich setzte mich in eine der hinteren Bänke. Bis jeder mit seinem Stuhl hereingestolpert und an seinem Platz angelangt war, verging eine Viertelstunde. Herr Oszi flüsterte mit Frau Magdi, der anderen Musiklehrerin, und mit der Kinga Janák aus der C-Klasse. Aus irgend einem Grund kamen sie nicht herein. Die Kinga war jedem bekannt, ihr Vater war ein bekannter Mann, ein Politiker. Er war oft in die Schule gekommen, er hatte mit der Frau Direktor Kränze niedergelegt, und der Kinga gehörten lauter Sachen, die auch bei uns in der A-Klasse nur wenige besaßen. So hatte sie eine Armbanduhr mit Display, einen duftenden Radiergummi, bunte Heftumschläge aus Kunststoff, die ihr der Vater von seinen Auslandsreisen mitgebracht hatte. Und sie besaß auch ein Federpennal mit Magnetverschluß, das hatte bei uns nur die Martha. Die nachricht vom Federpennal mit Magnetverschluß kam übrigens früher bei uns an als das Federpennal selbst, und ich dachte mir aus irgend einem Grund, in so ein Pennal müßten die Bleistifte mit einem Magneten eingelegt werden. Dem war aber nicht so, das Federpennal mit Magnetverschluß war eine Plastikschachtel, deren Deckel mit einem Magneten zu schließen war. Innen gab es winzige Fächer, eines für die Feder, und extra Fächer für die Stifte und für den Radiergummi. Auf dem glänzenden Kunststoff war ein Bild zu sehen, bei der Martha war es eine gelbe Ente, bei der Kinga Janák tanzte Walt Disneys Schneewittchen mit den Zwergen. Das war undenkbar schön, unvorstellbar, prachtvoll und elegant. Und wie sie in den Pausen ihre Sachen wegpackte: als wir in ihr Klassenzimmer gingen, legte sie die Feder mit einer lässigen Bewegung in das Pennal zurück und ließ den Deckel daraufschnappen, wie die sehr eleganten erwachsenen Frauen, die ihre Sonnenbrillen mit unendlichem Charme in ihr kleines rotes Kunstlederetui legen. Sie besaß auch ein rosafarbenes Etui für Papiertaschentücher, dem sie ihre Taschentüchlein entnahm, und natürlich hatte sie auch Lippenpomade, mit der sie in den Pausen unter Zuhilfenahme eines Taschenspiegels die Lippen nachzog.

Warum kommen sie bloß nicht. Herr Oszi warf einen strengen Blick in die Klasse. Dann kamen sie alle, im Gänsemarsch, die Kinga zwischen den beiden Lehrern, die Schultasche in der Hand. Sie stellten sich vorne auf, blickten über die drei Klassen hinweg, und wir mußten nach dem Habt Acht weiter stehen bleiben.

Eine sehr ernste Geschichte sei passiert. Die uns alle beträfe, leider. Ein trauriger, empörender Vorfall, den wir hier und jetzt gemeinsam erörtern müßten, seien doch nur diese drei fünften Klassen hier gewesen, als wir in den Turnsaal hinuntergegangen seien. Das Federpannal der Kinga Janák sei nämlich verschwunden. Es sei gestohlen worden.

Nun ja, die Chorprobe konnten wir also vergessen. Wir saßen stumm im Saal, Herr Oszi marschierte endlos auf und ab und dozierte dabei. Der Schuldige säße hier, mitten unter uns. Wenn er seine Tat gestehe, könne er auf das Verständnis und die Vergebung der anderen zählen. Wir alle hätten schwache Momente, doch seien diese Versuchungen mit der erforderlichen Selbstdisziplin, Selbstkritik und dem Vertrauen gegenüber der Gesellschaft zu besiegen. Denn im Allgemeinen wüßten wir, woran wir uns zu halten hätten. Dafür gäbe es Richtlinien. Doch manchmal könne selbst der disziplinierteste Schüler abirren. Wir alle könnten Fehler begehen, die Schwäche allein sei noch nicht unverzeihbar, sollten wir jedoch die Ehrlosigkeit mit weiterem Lügen mehren, könnten wir das Vertrauen unserer Mitschüler und Lehrer für immer verspielen. Er könnte dem Schuldigen ja eigentlich helfen, er könnte anbieten, der Betreffende dürfe das Pennal auf den Lehrertisch legen, wenn wir alle gegangen seien, doch er wolle dem Dieb eben die Möglichkeit geben, von der Gemeinschaft Vergebung für sein Vergehen zu erhalten. Damit er vor uns allen Selbstkritik üben könne. So lange würden wir nicht nach Hause gehen, sagte Herr Oszi, bis das Pennal nicht gefunden wäre.

Die Chorprobe war also ausgefallen, wir saßen hinter geschlossenen Fenstern. „Ich will keinen Mucks hören. Wer war das! Ich habe Zeit, ich habe schon zu Mittag gegessen.“ Inzwischen war es eins vorbei, im Speisesaal standen die Plastikkannen und die kalte Suppe, wir aber saßen, Arme hinter dem Rücken, im Saal und hörten das Pausenläuten zum zweiten Mal. „Gut, wenn ihr es so wollt, könnt ihr es so haben“, sagte Herr Oszi. „Wenn einer weiß, wer der Schuldige ist und ihn deckt, dann begeht er selbst eine Straftat und verdient die Verachtung der Gemeinschaft. Ich habe Zeit. Heute hat es übrigens Mohnnudeln gegeben, die mögt ihr ja sicher nicht. Die sechsten Klassen sind schon auf dem Schulhof, ihr könntet auch hinuntergehen und Fußball spielen, wenn ihr endlich zu Vernunft kämet. Du hör auf zu kritzeln, oder ich breche dir alle Finger. Ein Druckbleistift? Na, der wird schön konfisziert, du bekommst ihn nach der Zeugnisverteilung wieder. Also, fällt jemandem etwas ein?“

Die Kinga Janák saß hinten, sie sah recht verschreckt aus und schien die ganze Federpennal-Geschichte schon zu bedauern. Die Luft im Saal war stickig, wir schwitzten, und immer öfter bat jemand um Erlaubnis, auf die kleine Seite gehen zu dürfen, Herr Oszi prüfte mit seiner Uhr, ob der Schüler in zwei Minuten zurückkam. Die glitzernden Staubkörnchen tanzten im Licht, ich studierte meine Hand, die Kritzeleien auf der Bank, die Kreuzstich-Stickerei des Vorhangs und das Ampelkraut mit den vereinzelten bleichen Blättern im kalkfleckigen Blumentopf. Das glühende Mailicht strömte durch die Fenster, das Summen aus dem gegenüberliegenden Schulhof und der Straßenlärm vermischten sich mit der anhaltenden, Kopfschmerzen verursachenden Stille im Saal, das schmiedeiserne Pflanzengestell war unerträglich, wie das Regal mit dem Plattenspieler, die schwarze Tafel, unerträglich waren auf dem Fußboden die grünen, amorphen Figuren des Linoleumbelages, die alle halben Meter wiederkehrten, unerträglich die Gegenwart, die Zukunft, die Vergangenheit, mein vorgesungener Name auf dem Namensschild der Hefte, unerträglich die luftlose Übelkeit, der Geruch der in den Jausensäckchen erstickten Brote und der schweißgetränkten Perlonkittel, die vom Atem der achtzig Kinder schwere warme Luft, voller Kreidestaub.

„Ich frage zum letzten Mal“, sagte Herr Oszi und blickte auf seine Uhr.

Ich wußte nicht, wie spät es sein mochte, doch daß die Zeit irgendwie zum Stillstand gekommen war, das wußte ich, daß die Minuten nicht zurückgedreht werden konnten, daß wir von einer geheimnisvollen Kraft in den Raum der ewigen Gegenwart gesperrt worden waren, und wenn sich das alles auch damals in meinem immer schwerer werdenden Kopf nicht so klar abgezeichnete, so ahnte ich doch eines, daß der zu mir gehörende Name eine Kraft darstellte, die diesen wie ein Standbild verharrenden Moment beenden könnte, daß die Bedeutung der Person in der weiteren Abfolge der Geschehnisse verlorengehe. Der Schuldige ist schon schuldig geboren, er ist frei in seinem Tun und Lassen, denn er beschreitet, was immer er tut, auf der Landkarte des Geschehens ohnehin immer einen und denselben Weg. Daß sogar ich es gewesen sein konnte, wer weiß. Daß ich es vielleicht in einer anderen Geschichte getan hatte.

Es war ein endloser Augenblick, bis der zu mir gehörende fremde Körper sich in der Bank erhob, abwartete, bis sich alle Augen auf ihn richteten und, damit die luftlose Gegenwart endlich ein Ende habe und wir nach Hause gehen könnten, in meiner fremden Stimme sprach:
„Ich war es.“

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