Tóth Krisztina költő, író, műfordító

Fotó: Bulla Bea     

Die Landkarte der Ameisen

 

(Ameisenstraße)

Aus dem Ungarischen übersetzt von György Buda

Großmutter wußte immer, welches Wetter kommt. Manchmal verließ sie das kleine Haus gar nicht, sie befühlte nur ihr Kreuz, lag da auf den bunten Kissen, erstöbert aus den Abfalltonnen der Umgebung, und ächzte: Kalt wird’s. Im kleinen Haus, da gab es alles. Auf dem hoch aufgetürmten, mit einem orangefarbenen Kunstfell bedeckten Bett saßen abgegriffene Teddybären und einarmige Puppen, der einen fehlte ein Auge, der anderen hatte jemand mit Kugelschreiber eine Narbe ins Gesicht gemalt. An den Wänden reihten sich überall Kartons, Großmutter stopfte die anläßlich ihrer nächtlichen Streifzüge zusammengetragenen fadenscheinigen Stoffe, Bettüberzüge und Lumpen in diese Kartons, was übrigens immer schwieriger wurde, also überfluteten die überall herumliegenden Kleiderfetzen und Vorhangreste langsam alles im Raum. Die Stühle waren schon seit langem nicht mehr zu verwenden, ja gar nicht aufzufinden, nur zwei unförmige Hügel erinnerten daran, daß man sich einst in der Zimmermitte hinsetzen konnte. Später hat sie mit Schuli gemeinsam eine Schnur quer über das Zimmer gespannt und da ihre Neuerwerbungen aufgehängt: eine austrocknende Bananenschale, weil sie so lustig scheppert, einen Weinheber, einen Kugelfisch mit Schmollippen, ein Bild aus der Zeitung, mit Wäscheklammern fixiert. Und sie zeichneten überall hin. Auf die Wand, in die halbleeren, aus den Abfallcontainern geholten Schulhefte, auf denen die Namen unbekannter Schüler standen, und deren Blätter manchmal zu schimmeln begannen, denn sie lagen schon seit Jahren in irgendwelchen modrigen Kellern und warteten darauf, daß Schuli sie mit nackten Frauen und Palmen vollzeichnete. Großmutter malte auch um die Lichtschalter lachende Gesichter, und auf die Wand malte sie lange Lianen mit Blüten, bunte Pflanzen, Äffchen, und Teufel, die die Zunge herausstreckten.

Im kleinen Haus herrschte immer ein bestialischer Gestank, wir zogen uns meistens nur zum Schlafen dorthin zurück, sonst wohnten wir richtiggehend im Garten, der fast uneinsehbar an einem steil abfallenden Hang lag. Daß du mir ja nicht auf die Straße hinausgehst, sagte Großmutter immer, eher verschlafen als streng, als wäre die Straße die Hauptgefahrenquelle, und als hätte sie mit dieser Ermahnung ihre großmütterlichen Pflichten auf Tage hinaus erledigt: Weil wenn du hinausgehst, dann schlag ich dich tot. Was ich tagsüber aß, was ich trug, ob ich mich eventuell wusch, das kümmerte sie recht wenig. Ich sah niemals, daß sie sich gewaschen hätte, sie trug stets ein buntes Tuch auf dem Kopf, an den Füßen sommers und winters Pantoffeln, und ihre Knöchel waren ständig von großen, teils verschorften Wunden übersät.

Ich sah mir ihren Fuß an, als sie mit Schuli die Lehmgrube aushob: zwischen ihren Zehen mit den langen schwarzen Krallen quoll der fahle Lehm herauf. Schuli hatte den Ofen in zwei Tagen gesetzt, ab da konnten wir alles brennen, was wir aus Lehm geformt hatten. „Backen kann man wohl nicht in dem Ofen?“ fragte ich. Großmutter begriff irgendwie, daß ich Hunger hatte, denn sie wies mit dem Kinn in die Tiefe des Gartens: „Iß Mandeln. Und es gibt Brombeeren.“

Schuli, ihr Lebensgefährte, hielt sich nur selten bei ihr auf, manchmal verschwand er für Wochen, dann brachte er immer einen Sack mit, dessen Inhalt sie später neben der Hauswand hockend sortierten. Großmutter hatte neben meiner Mutter angeblich noch ein Kind, das verhungert war, zumindest erzählten das die Verwandten. Daß Mutter anfangs einen kleinen Bruder namens Rudi hatte, der mit vier Jahren an der Ruhr starb, weil er sich in seinem Hunger mit unreifen Aprikosen vollgestopft hatte.

Ich wagte es nie, danach zu fragen, mich schauderte es vor dem Wort Ruhr und ich fürchtete auch die gelegentlichen manischen Wutausbrüche meiner Großmutter, wenn sie mit den Armen fuchtelnd ihre Flüche in die Luft und in das Echo des Steilhanges schleuderte. Daß der Tod euch allen aus den Augen schauen möge.

Einmal ging sie für mehrere Tage weg. Mir kam meine Mutter in den Sinn, die ich seit etwa drei Wochen nicht gesehen habe, sie war offenbar gegangen, um eines meiner neuen Geschwister tot zu gebären und es dann rasch zu beerdigen, danach würde nur noch der langsam flacher werdende Bauch an das versprochene Geschwisterchen erinnern. Oder mein Vater, der zu jener Zeit die Grenzdörfer mit seiner Schießbude abklapperte und von Zeit zu Zeit mit lautem Gepolter eintraf, um dann genau so schnell wie er gekommen war, wieder zu verschwinden.

Ich saß im Garten auf dem Boden und auch ich versuchte die Wege der Ameisen zu erkennen. Großmutter und Schuli zeichneten seit Jahren ihre Landkarten, wo sie die Straßen der Heerscharen, die ihre Eier mittrugen, vermerkten, als wollten sie aus den schwarzen, fortziehenden Linien weissagen, wie andere aus den Linien der Handfläche oder aus dem Kaffeesud. Die Landkarten nagelten sie dann an die Außenwand des Schuppens, wo sie zwar einigermaßen durch die mit einer gelben Platte verlängerte Traufe geschützt waren, aber doch wellig wurden und vom hereinsickernden Regenwasser bunte Streifen weinten.

Ich saß auf dem Boden und besah mir meine Sohlen, schwarz von den Brombeeren, und überlegte, ob ich nicht zu den Verwandten nach Újpest fahren sollte. Ihre Adresse war mir bekannt, nur nicht, wie man von hier oben zu ihnen kommt. Als ich unten angekommen war, stieg ich in eine Straßenbahn, die mich zu einem großen Platz brachte. Ich wußte, von da mußte ich mit einem Autobus weiterfahren, aber nicht, mit welchem. Ich befragte alle Passanten, wie ich zum Großkaufhaus in Újpest kommen konnte, denn von dort kannte ich den Weg zur Siedlung, die seitdem abgerissen wurde, wo es nur ebenerdige Häuser gab, und wo auf den unkrautbestandenen Höfen zwischen den Häusern überall die Wäsche von vier, fünf Familien zum Trocknen hing. Auch dieses Haus war lang, auf dem Hof stand ein ausgeweideter sandfarbener Lada ohne Räder, und an der letzten Tür hing eine geborstene Tafel: Das freie Ausspucken ist verboten. Da mußte ich anklopfen. Es wurde spät, bis ich dort angekommen war, ich stieg bei der Haltestelle als einziger aus dem Bus. Im Haus war der Rauch zum Schneiden, es drängten sich mindestens zehn Personen um den gedeckten Tisch.

„Das ist die Tochter vom Sanyi“, sagte eine Frau, die sich hinter den Stuhllehnen herausgewunden hatte, um mich nach hinten zu begleiten. Männer sangen laut, einer hatte „Erzsi“ auf seine Faust tätowiert. Er blickte mich unvermittelt an und grölte in den Rauch hinein: Und jetzt singen wir „Mein guter Vater ist der allerbeste Mensch“. Er legte gleich los damit, und die Frau bugsierte mich mit einer Hand an meinem Genick nach hinten in die Küche und fragte: „Hast du gegessen?“

Ich kaute auf der Hühnerkeule herum und hörte den Sängern zu. Sie gerieten von Zeit zu Zeit in Streit, es war, als wollten sie gleich übereinander herfallen, dann setzten sie das Gegröle friedlich fort. Inzwischen war eine langharige Frau mit Goldzähnen herausgekommen, sie reichte die Teller über meinem Kopf weiter. „Du, schau mal, Ida, was hat dieses Mädchen am Kopf?“

Die Kopfhaut unter den Haaren juckte mir bereits seit Tagen, und wenn ich mich kratzte, lösten sich größere gelbe Plättchen ab. An ihrer Stelle blieben Schorfe zurück, wie wenn man sich die Knie oder die Ellbogen aufschürft.

Während draußen die Belustigung immer lauter wurde, gossen die zwei Frauen warmes Wasser in einen Zuber und wuschen mir den Kopf, dann schmierten sie ihn mit einer furchtbar stinkenden Masse ein. Sie brannte mir in den Augen, aber irgendwie war sie auch angenehm, das quälende Jucken, dem ich auf dem Weg hierher zu entkommen versuchte, indem ich mich mit dem zahnlückigen Kamm meiner Großmutter fortwährend am Kopf kratzte, ließ nach. Dann machten sie mir in der Küche ein Lager auf der strohgeflochtenen Bettstelle und zogen die Tür zu. Gelegentlich kam und ging jemand, ich hörte im Halbschlaf das Reden von draußen noch lange. „Der kleine Rudi ist nicht daran gestorben. Er war zu schwach.“

Jemand erzählte, meine Großmutter habe das tote Kind auf der Bahre photographiert, und zum Entsetzen der trauernden, jammernden Verwandtschaft ihren Rock hochgeschürzt und sich zum Sarg gehockt, aber keineswegs, um sich zu verabschieden oder einen letzten mütterlichen Kuß auf die kleine, blasse Wange zu drücken, sondern um das ihrer Absicht nach künstlerische Bild aus dem richtigen Winkel schießen zu können. Damals waren Photoapparate noch selten, doch ließ sie nie zu, daß man ihn verkaufte, auch später nicht, als sie nirgends mehr bleiben konnte und ins kleine Haus auf den Berg ziehen mußte. „Die war ja schon immer verrückt“, schloß einer, „und diesen Schuli werden sie eh noch einmal schnappen.“

In der Nacht erwachte ich von einem unerträglichen Jucken im Hintern. Ich kratzte mich, aber es nutzte nichts. Das ging schon seit Tagen so, das Jucken weckte mich im Morgengrauen, dann quälte ich mich unter dem Schnarchen meiner Großmutter weiter, bis zum erlösenden Schlaf am Morgen. Auch jetzt war es so, eine Zeitlang lag ich wach in der Dunkelheit, hörte dem Schnarchen aus dem Zimmer zu, dann faßte ich mir ein Herz und schlich im fahlen Licht, das von der Straße hereinleuchtete, ins Zimmer hinüber. Drinnen war es noch finsterer, hinter den heruntergelassenen Jalousien hörte ich einen frühen Autobus anfahren. Ich tastete mich zwischen den auseinandergeschobenen Möbeln vorsichtig bis zum Ausziehsofa vor, ich wußte, darüber hing ein großes buntes Marienbild an der Wand. „Tante Ida“, flüsterte ich in die Dunkelheit.

Wir standen in der Küche, ich mußte eine recht seltsame Pose einnehmen. Ich beugte mich mit heruntergelassenem Höschen vor und hielt meine Knöchel fest, während die Frau meines Onkels im spärlichen Licht der Küchenlampe aufmerksam meinen After untersuchte. „Gottverdamm sie alle, verfaulen sollen die Biester,“ – lautete ihre Diagnose.

Sie schälte mit dem Küchenmesser einen schmalen Streifen von der Kernseife ab und sagte, ich solle mich auf den Bauch legen. Es werde weh tun, die Biester aber vertreiben. Das hassen sie, und den Knoblauch. Dann schob sie mir den Seifenstreifen wie ein Zäpfchen in den Darm.

Ich spürte einen ungeheueren, unerträglichen Schmerz, wie vielleicht noch nie in meinem Leben. Ich warf mich tonlos schluchzend auf der Bettstelle hin und her und war mir sicher, sterben zu müssen, dem Tod selbst begegnet zu sein, alle meine Eingeweide wollten zu Asche verbrennen, wie wenn der Blitz einen trifft, das hat sich Schuli immer gewünscht, er stellte sich bei Sturm in den Garten und wartete darauf, daß ihn einmal der Blitz träfe. Bei Gewittern stellte er sich immer unter den großen Mandelbaum, sah den Blitzen zu, und Großmutter keifte von drinnen mit ihm: das war ihr Spiel.

Bis zum Morgen hatte der Schmerz nachgelassen, nur mein großes Geschäft konnte ich nicht machen. Tante Ida packte eine Menge Fleisch und Kartoffeln ein, und Onkel Dodo, dessen Nase gebrochen ist, weil er in seiner Jugend geboxt hat, beugte sich zu mir und gab mir als Wegzehrung mit: „Sag deiner Großmutter, sie wird ganz furchtbar in den Arsch getreten.“ – „Das läßt ihr Dodo ausrichten“, setzte er noch bedeutungsvoll hinzu, denn er war es gewohnt, daß dieser Halbsatz innerhalb der Grenzen von Újpest seinen Worten Gewicht verlieh, und er war sich sicher, selbst meine sonst in jeder Hinsicht rebellische Großmutter mütterlicherseits könnte sich der männlichen Autorität, die seine scheel dreinblickenden Knopfaugen ausstrahlten, nicht entziehen, vom schmächtigen Hinkebein Schuli, der nicht einmal zur Familie gehörte, ganz zu schweigen.

Seinen richtigen Namen wußten wir gar nicht, angeblich hieß er Schuli, weil er immer von seiner Schulbildung sprach, daß er Volks-, Haupt- und Fachschule absolviert hätte. Welches Fach er gelernt hatte, blieb uns für immer verborgen, jedenfalls zeichnete er meisterhaft und er lehrte Großmutter Tontöpfe herzustellen, wie er auch mir beibrachte, wie man den Ton bearbeiten und kneten muß, damit er nirgends mehr Luftblasen enthält, denn die lassen ihn beim Brennen explodieren.

Es war Mittag, als ich im kleinen Haus eintraf. Einen Kühlschrank gab es nicht, ich stellte die Schachtel von Tante Ida neben der Hauswand in den Schatten, dachte noch, sie sei ja zugedeckt, also kämen keine Fliegen darauf. Ich versuchte mich noch ein wenig am Ton, doch war die Grube durch das warme Wetter ganz ausgetrocknet. Ich klopfte mir ein paar Marillenkerne auf, dann bekam ich auch das über und zeichnete weiter an den begonnenen Ameisenlandkarten.

Auf dem Garten lastete brütende Hitze, meine Haut war schweißglatt, und meinen Haaren entströmte noch immer ein Geruch nach Petroleum. Ich legte mich an den Rand der Grube, schob mir das mottenbewohnte Kissen aus dem Bett unter dem Kopf, und sah den immer dunkler werdenden Wolken zu. Sie türmten sich hoch und quollen in sonderbaren Formationen, als stiege der Rauch eines Waldbrandes aus dem Tal zu uns herauf. Die Ameisen schleppten ihre Eier, als wüßten sie mehr. Ihr Zug hatte etwas tödlich Entschlossenes. Baute ich Hindernisse aus Zweigen auf ihrem Weg, kletterten sie über die Barrikaden und beförderten ihre winzigen Wickelkinder weiter, zu einem Versteck, das sie für sicher hielten.

Ob nun der Abend dämmerte oder ein herannahender Sturm den Himmel verdunkelte, jedenfalls war es schon ziemlich spät, als ich Großmutter aus den Tiefen des Gartens heraufkommen sah, an einem Arm trug sie einen Korb, über dem anderen ein unwahrscheinlich graues Brautkleid.

„Ich mußte weg“, keuchte sie. Sie trat in das kleine Haus und lud ab. Ein mächtiger Donnerschlag ließ den Berg erzittern, ein trockener, greller Blitz riß den Himmel entzwei. „Hast du gegessen?“ rief sie aus der Küche, und knisterte mit den Taschen und Tüten, die sie aus ihrem Korb fischte.

„Die Ida hat Essen geschickt.“

„Na also“, quittierte Großmutter die Nachricht und wollte gar nicht wissen, durch wen sie wohl das Essen geschickt hatte, sie beugte sich neugierig über die Schachtel, deren Deckel ich eben abhob.

Der angeschlagene Teller, auf dem die Fleischstücke lagen, war über und über mit Ameisen bedeckt, als hätte ich einen gehäuften Teller Mohn auf den Tisch gestellt. Großmutter pustete und schlenkerte die Pellkartoffeln, und draußen legte der Regen mit Getöse los, er trommelte auf das Wellblech und auf die am Dach lose ausgelegten Teerpappenbahnen.

„Deine Mutter hat entbunden“, sagte sie. „Ein Junge.“

Sie schüttelte die Ameisen so gut es ging von einer Hühnerkeule, reichte sie mir und sagte:

„Aber er ist gestorben. Du mußt essen, sonst wirst du auch schwach.“

Welcome , today is Sunday, 2019-05-19