Tóth Krisztina költő, író, műfordító

Fotó: Bulla Bea     

In großen Zügen

über die weibliche Sexualität

Aus dem Ungarischen von György Buda

Die Beine auseinander! Gut so! Weiter, noch weiter auseinander! Den Hintern etwas tiefer und die Füße nach innen! So ist es gut, so wird’s gehen!
Der erregte Mann erteilt mit rotem Gesicht Anweisungen, er gestikuliert und schreit sich heiser: er will mir beibringen, die Piste im Schneepflug hinunterzufahren. Denn der erregte Mann ist daran zu erkennen, daß er dir erklären will, was du nicht verstehst, daß er dich etwas lehren will, was du nicht kannst, Radfahren, Schneepflug, Bauchatmung, das Autofahren, dünne Crepes backen, im Schmetterlingsstil schwimmen, schlagbohren, und überhaupt, er führt dich in die Dinge des Lebens ein, in das, was fix ist, in den siebenten Himmel. Der erregte Mann bleibt vor der Notre Dame stehen, fuchtelt mit der Brille herum und tut laut kund: Das ist Gotik. Er dreht und wendet die Weinflasche im Restaurant, studiert das Etikett, blickt dir dann tief in die Augen und deklamiert den Namen des Weins, mitsamt Jahrgang. Gotik, Cuvée, Schneepflug. Da kannst du nur nicken, dich manchmal wundern, ach, tatsächlich? Mittelalter?! Auch bei hoher Geschwindigkeit? Geht von selbst auf?!!! Und sie backen nicht an?
Im dichten, undurchschaubaren, furchterregenden Dschungel des Lebens plaziert er die Wegweiser, auf denen meistens nur das eine steht: ICH, ICH, und von da an darfst du dich ihm voll und ganz anvertrauen, du mußt den richtigen Weg nicht mehr stolpernd suchen, denn schon reicht er dir den Arm, Gotik, Cuvée, mach die Beine breit.
Der Mann kennt sich, um auf das Titelthema zu kommen, mit der weiblichen Sexualität genau aus. So wie der Gynäkologe Frédérique Leboyer (Frédérique ist hier ein Männername), dessen Buch über die Entbindung ich vor drei Jahren ins Ungarische übertragen habe, und der mir – und seiner Leserschaft – aufgrund seiner gesammelten, mit fernöstlichen Philosophien durchsetzten frauenheilkundlichen Erfahrungen versichtete, daß ich als Frau, so ich das tatsächlich noch sei und mir mein Naturbewußtsein und sämtliche weiblichen Instinkte bewahrt hätte (wenn ich also durch meinen Nabel summen könnte), bei den Preßwehen zum Orgasmus kommen müßte. Wenn mir das nicht gelingt, bedeutet das, daß ich etwas falsch mache, doch solle ich nicht enttäuscht aufgeben, vielmehr brav weiter kreißen und die Sache genießen, so weit es mir eben möglich sei, mich den kribbelnden, süßen Stößen überlassen, die diesmal nicht von außen, sondern von innen hämmerten, doch sei das im Grunde genommen ein negligabler Unterschied, kurz gesagt: ich solle genußvoll gebären.
Vor der Geburt meines eigenen Kindes sagte der Frauenarzt immer, wir würden nun bald entbinden. Dann sagte er: Heute entbinden wir. Ja, mehr noch, zum Schluß entband nur noch er, und als ich mich im letzten Augenblick mit dem Vater des Kindes zu ihm begab, da schloß er mich richtiggehend von der Unterhaltung aus. Mein Sohn bequemte sich nicht zur Welt zu kommen, er ließ auf sich warten, das machen übrigens alle Typen und er fing gleich damit an, und der Arzt wandte sich an meinen Partner. Sehen Sie, mein Herr, sagte er, und erläuterte ihm die Sachlage von Mann zu Mann, während ich mit meinem großen Bauch nur stumm dabei saß, sehen Sie, mein Herr, sagte der Arzt, und mir schien, er würde eher mit meinem Sohn in meinem Bauch reden als mit einem törichten Weibsbild wie mir. Frédérique, Frédérique, dachte ich, indem ich die Informationen für Entbindende las und übersetzte, also Frédérique, Chi hin oder her, deine Frau möchte ich nicht sein, Gott sei Dank bin ich nur deine Übersetzerin, ein dekadentes, unnatürliches Frauenzimmer, das allerdings, pardon, schon einmal ein Kind bekommen hat. Daraufhin würde Frédérique nur abwinken, ach was, das heißt noch gar nichts, das Wichtigste ist die Theorie.
Dieses Abwinken kenne ich übrigens gut, der mit der Brille herumfuchtelnde Mann weiß auch im Bett alles besser, er sagt dir, was du wie zu fühlen hast, er hält einen langen Vortrag über vaginalen und klitoralen Orgasmus, führt Beispiele an, zitiert, im schlimmeren Fall beruft er sich gar auf eigene Erfahrungen, er ist eben auch so ein Frédérique, gebären kann er auch besser als du, nur macht er das jetzt nicht vor, weil er morgen früh aufstehen muß.
Der wirkliche, wahre Macho aber quält sich mit der Theorie gar nicht erst ab, das ist ihm zu kompliziert: er kommt, klärt dich auf, und … Schneepflug, jetzt tiefer mit dem Hintern.
Wenn du dann den Hang hinuntergerutscht bist und der Schneepflug so weit erledigt ist, du liegst im Schnee, die Bretter auch, aber woanders, dann beugt er sich über dich und fragt mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck, mit einer Mischung aus Mannesstolz und leicht übertriebener Besorgnis:
“Na?“
Jetzt würdest du, hättest du nur die Kraft dazu, dich aufrappeln und sagen, danke erstmal, ich möchte es dann doch lieber mit einer anderen Sportart versuchen, doch tust du das nicht, denn 1) hast du dir entweder das Bein gebrochen, oder 2) zwar nicht das Bein gebrochen, aber das Knie verrenkt, und 3) wenn es auch nicht verrenkt sein sollte, hast du dir doch sehr weh getan, das heißt, du hast vom Genuß an der Abfahrt kaum etwas mitbekommen, darum geht es aber gar nicht, viel wichtiger ist, wie der Mann später das Ganze oben in der Schihütte beim abendlichen Bier erzählen wird, wie es denn war, diese vereiste schwarze Piste zu fahren …
Und lautet die Frage nicht „Na?“, dann fragt der sich vorerst lautlos über der liegenden Schifahrerin bewegende Mund, denn mehr nimmt dein Bewußtsein vorerst nicht wahr, also dieser Mund fragt:
„War es gut?“
Als biologische Hintergrundinformation zu dieser Frage mußt du wissen, daß den Mann dabei das Gefühl beherrscht, unter sämtlichen Männern deines Lebens das einzige siegreiche Spermium zu sein, du aber bist eine große, fruchtbare Eizelle, die zu treffen ihm nun gelungen ist. Also suchen wir nach einer passenden Antwort, wohl wissend, daß im gegebenen Augenblick die Größe seines Gehirns sich proportional zu der eines einzelnen Spermiums verhält, am besten nickst du bloß, ja, sehr, die Eizelle ist zufrieden, nur bitte, laß uns jetzt schweigen, weil sie sich in Gedanken gerade eben teilen muß.
Die Männer kennen nicht nur den weiblichen Körper, den weiblichen Orgasmus ganz genau (siehe den oben erwähnten Frédérique Leboyer), sondern auch die Fachliteratur darüber, ja, auch die Erfahrungen deiner Freundin, über die angeblich du erzählt hattest, und die Erfahrungen der Freundinnen ihrer Freunde, über die ihnen ihre Freunde erzählt haben (siehe oben, Schutzhaus in den Bergen, abendliche Bierrunde), somit wissen sie genau, daß die Dichterin X. nach dem Erscheinen ihres ins Deutsche übersetzten Buches, es war ein toller Erfolg, einen Vaginalorgasmus erlebt hat, wobei unklar bleibt, ob das eine mit dem anderen zusammenhängt. Die Seele aber, nicht wahr, vermag vieles, ich wurde ja bislang lediglich ins Englische und Französische übersetzt. Und daß Y. noch nie einen hatte, sie schreibt nur fortwährend darüber, Z. hingegen ist höchstwahrscheinlich lesbisch, weil sie die Männer so gar keines Blickes würdigt, natürlich haben sie es nicht daraus abgeleitet, aber verdächtig ist sie allemal.
Und wenn wir schon den Schneepflug können, die Bauchatmung, Rad und Auto fahren, Crepes backen, im Schmetterlingsstil schwimmen, schlagbohren, genußvoll kreißen, uns also in den Dingen des Lebens auskennen, und eines Tages doch verunsichert auf der Straßenbahninsel stehen bleiben, weil der erwähnte Wegweiser mit der Aufschrift ICH, ICH, ICH, DER MANN, in einem Umkreis von einem Meter noch nicht angebracht ist, dann erscheint er, glaubt mir, dann erscheint an der Straßenecke jener Mann. Er kommt mit dem Auto, das Auto ist groß und womöglich rot, und er sitzt darin. Er mustert uns und spricht uns an:
„Wartest du auf mich, Häschen?“
Dann blicken wir dem Spermium fest in die Augen, tief, bis ins Gehirn, und antworten ihm langsam und selbstsicher:
„Nein, Hase. Auf die Wechseljahre.“

Welcome , today is Sunday, 2019-05-19