Tóth Krisztina költő, író, műfordító

Fotó: Bulla Bea     

Nie ein Wort

 

In meiner Kindheit dachte ich, daß die Gödrös* deshalb so genannt wurde, weil sie tief unterhalb des Rodelhügels im Tal lag. Ein steiler, kastanienbedeckter Abhang lief hinunter, voller Kastanien im Herbst; da konnte man sie tütenweise sammeln. Auf dem Rodelhügel fuhr übrigens nie jemand Schlitten, denn der Schnee wurde sofort abgetragen und die Erde kam zum Vorschein. Meistens tranken wir einen warmen Tee an der Holzbude und spazierten herum. Unsere Eltern sagten immer, wir sollten mit den Idioten aufpassen. Die Patienten stellten sich an den Zaun der Gödrös und winkten, und wir gaben ihnen Tee in Plastikbechern. Sie freuten sich darüber, tranken ihn aber nicht sofort aus, hielten ihn bloß fest und schauten vor sich hin. Manchmal brachten wir ihnen auch Bretzeln. Die meisten sahen gar nicht so aus wie richtige Idioten. Nicht, daß wir gewusst hätten, wie richtige Idioten aussahen; diese Frauen und Männer hatten zumeist einen unsicheren Blick und ein glattes Gesicht. Wortlos standen sie in der spätherbstlichen und winterlichen Kälte herum, und ihre Füße schauten aus den Pantoffeln heraus. Merkwürdigerweise verbindet sich in mir die Geisteskrankheit mit jenen kindlich glatten Gesichtern und jenen Händen mit kurzen Fingernägeln. Unsere Eltern hatten richtige, adrige Erwachsenenhände, jene alternden Kindern aber hatten alterslose und wachsfarbene, als ob sie nicht in dieser Zeit lebten.

Erst als Erwachsener erfuhr ich, daß der Name jener Institution Dr. Ágoston Gödrös Psychosoziales Rehabilitationszentrum und Arbeitstherapieheim war. Dorthin, an diesen Ort fuhr ich Ende Juni – in meine Heimatstadt.

Ich habe nur deshalb gleich am Anfang über die Gödrös erzählt, damit du weißt, wie sehr sie zu meiner Kindheit gehört. Darum habe ich auch diese Arbeit angenommen, ansonsten kehre ich nie nach Hause zurück. Mit meiner Mutter komme ich nicht gut aus, und in der Stadt kenne ich kaum jemanden. Ein Medikament Namens Cymbalta musste den Ärzten dort vorgestellt werden, und als es sich herausstellte, daß hier eine Woche zu verbringen war, nahm ich die Arbeit sogleich an. Ich musste auch zwei Städtchen in der Umgebung besuchen, wichtig war mir aber nur, hier ein Zimmer zu mieten und auf denselben Straßen entlangzugehen wie vor fünfundzwanzig-dreißig Jahren. Außer mir bot sich dann auch keiner an; wer war bei dieser Hitze schon gerne in den Bergen.

Mit Gabor kam ich nie hierher. Einmal, unterwegs in die Slowakei bogen wir mit dem Auto beinahe ab, dann aber doch nicht. Er traf einmal meine Mutter, das war aber in Budapest. Ich wollte ihn nicht in jene bedrückende, verrauchte Wohnung mitbringen. Bei diesem Ausflug nach Neusohl hatte er mich noch geliebt, zumindest denke ich das.

Als er vor Weihnachten auszog, dachte ich viel nach. Ich hatte nichts bemerkt. Dass er genug hatte, schien keine Vorgeschichte zu haben. Von was genug? – fragte ich. Dass wir seit Jahren nicht miteinander reden, sagte er. Dass er das Gefühl hatte, ich nähme keine Notiz mehr von ihm. Dass ich von seiner Seite aufstand und mich wieder neben ihn legte, aber nie mit ihm redete. Und wenn doch, dann nur über Dinge vom Arbeitsplatz. Vielleicht hatte er recht. Ich dachte wirklich nicht daran, dass wir jeden Tag darüber reden sollten, was selbstverständlich war, was wir uns bedeuteten. Das war jetzt mehr als sechs Monate her.

Als ich im Radio hörte, dass dort ein Volkstanz-Landestreffen stattfand, war aus Cymbalta plötzlich so etwas wie eine Mission geworden. Dann war es ja kein purer Zufall, sondern eine Möglichkeit, einer Sache nachgehen zu können.

Meine erste Liebe war Volkstänzer. Eine leichte Übertreibung, ihn meine Liebe zu nennen, doch habe ich ihn so abgebucht, obwohl wir nie ein Wort miteinander gewechselt hatten. Er wohnte in der Nähe von der Gödrös in einem alten einstöckigen Haus. Wir gegenüber, in den neuen Blockhäusern. Er besuchte unsere Schule, drei Klassen über mir. Wir waren verliebt ineinander.

Jahrelang starrten wir einander an. Manchmal konnte ich nach so einem Aufeinandertreffen kaum schlafen. Wenn ich in den großen Laden geschickt wurde, schlug mein Herz schon vorher stärker, ob ich ihn nun traf oder nicht. Manchmal begegneten wir uns tatsächlich, aber dann standen wir nur da, als wäre eine Glaswand zwischen uns. Er sprach auch mich nicht an, er stand nur da mit den Hörnchen in der Hand und schaute. Er war nicht besonders hübsch oder hochgewachsen, war sogar etwas kleiner als seine Mitschüler, und er hatte ganz kurzgeschorene, dunkle Haare, die ich gerne einmal gestreichelt hätte. Wenn es in unserer Schule ein Volkstanzaufführung gab, trat er immer auf, und ich schaute ihm aus dem Publikum aus zu. Er wusste, dass ich ihn anstarrte, meiner Meinung nach achtete er auf nichts anderes, doch unsere Blicke trafen sich selten. Die anderen hörten später mit dem Tanzen auf, er aber nicht. Meine Mama liebte es, für mich die örtlichen Zeitungen zu sammeln, dann konnte ich lesen, dass er an verschiedenen Festivals teilnahm, sogar im Ausland.

Jahrelang lief diese sonderbare Pantomime zwischen uns ab, so lange bis ich in eine andere Stadt ins Kollegium wechselte. Während des Gymnasiums kam ich nur alle zwei Wochen nach Hause. Er hatte inzwischen eine richtige Freundin. Ein Mädchen mit langen Haaren. Ich sah die beiden, als ich an der Konditorei vorbeiradelte. Jemand sagte, sie hieße Andi.

Wir liebten uns immer noch, das ging nicht vorbei. Ich denke, ich war sogar eine Zeit lang sauer und wütend, weil er nie zu mir kam. Warum war er nur so feige? Dabei wusste ich ganz genau, dass ich ihm keine Zeichen gegeben hatte, ich schaute nur. Das war unser Spielchen; schweigen, schauen, sich entfernen.

Dann ging ich an die Universität und später ins Ausland. Ich behaupte nicht, dass ich ihn die ganze Zeit geliebt habe, aber mein Herz pocht immer noch stärker, wenn ich einen Mann mit ähnlichen Haaren sehe. Es gibt übrigens recht viele ähnlich gedrungene Männer. Seinen Hinterkopf zum Beispiel glaubte ich regelmäßig zu sehen. Beim Anblick fremder Menschen hatte ich plötzlich das Gefühl, er wäre jetzt da, er wäre es. Und mein Herz fing an schneller zu schlagen, aus Angst, ihn schon wieder nicht ansprechen zu können. In Wien hielt er sich einmal im Bus fest, dann drehte er sich um und er war es nicht. In London lag er auf einer zusammengefalteten Jacke am Flughafen. Am liebsten hätte ich seine Schulter gestreichelt. Dann drehte er sich um und er war es nicht. Mein Gehirn wusste zwar, dass wenn ich mich plötzlich umdrehen würde und in der Zeit zurückginge, ich ihn nicht dort würde finden, wo ich ihn in meiner Erinnerung gelassen hatte. Dass er sich sicher geändert oder Frau und Kinder hatte, was weiß ich. Ich dachte manchmal auch daran, dass er möglicherweise gar nicht mehr am Leben wäre. Und dann daran, dass das gar nicht möglich wäre. Ich hätte den Moment gespürt, an dem er aus der Welt geschieden wäre. Den Moment, ab dem er mir nie wieder entgegenkommen konnte.

Ich erzählte Gábor nie etwas darüber. Darüber auch nicht, hätte er gleich gesagt. Was aber hätte ich ihm über eine unreife Jugendliebe erzählen können, außer dass es irgendwann jemandem gab, der für mich wichtig war, mit dem ich aber nie geredet hatte, und der schön tanzen konnte. Vor allem den Burschentanz. Gábor hat keine Ahnung davon, denke ich. “Was ist denn das?”

Ich hatte also im Radio gehört, dass es da ein Volkstanz-Landestreffen geben würde. Es war ein ähnliches Gefühl, als ob ich irgendwo wieder seinen Hinterkopf entdeckt hätte: ich war sicher, ich musste dorthin.

Ich muss mit ihm reden, egal über was. Ich muss seine Stimme hören, damit ich meine eigene Stimme finden kann. Früher hatten wir in der Schule die Aufgabe, eine Geschichte mit unseren eigenen Worten zu erzählen. Das blieb in mir haften, die eigenen Worte. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich eine eigene Geschichte habe, ob ich nicht immer noch das erlebe, was damals angefangen hatte.

Ich dachte, wenn er das Land nicht verlassen hatte, so musste er jetzt hierher kommen. Und dann würden wir uns treffen. In unzähligen Varianten malte ich mir dieses Zusammentreffen in meinen Gedanken aus. Meistens kam er auf der Straße neben der Gödrös entlang, in meiner Phantasie immer mit dem Fahrrad. Ich wusste, das war Blödsinn, sicher fuhr er ein Auto, aber irgendwie stellte ich mir es so vor.

Er wird fragen, was ich hier suche. Und diesmal werden wir nicht schweigen und dumm herumstehen, vielmehr werde ich locker und witzig sein. Ich werde etwas in der Richtung sagen, dass ich über die neuropharmakologischen Folgen der Purinerg-Modulation der Dopaminerg-Transmission im Gehirn eine Vorlesung halte, und darüber werden wir dann lachen. Daraufhin wird er ebenfalls mit etwas witzigem antworten, und wir sitzen da und reden miteinander. Egal über was, schön flott, wie die Erwachsenen. Ich weiß nicht, warum ich ständig seinen Hinterkopf im Gedächtnis habe, als wenn er sich entfernen würde.

Ich hielt meinen Vortrag am Montag, dann eilte ich ins Kulturzentrum. Die ehemalige Gödrös war kleiner geworden, der breite Abhang war schäbig und vermüllt, der Park ungepflegt. Das Häuschen am Rodelhügel war nicht mehr da. Auf dem vergilbten Rasen drehten sich Wasserspeier, vor einem Gebäudeflügel stand ein Baugerüst. Doch der Platz davor war seither schön in Ordnung gebracht worden. Ich erinnere mich daran, dass wir mit dem Schulhort immer hierher kamen, um Tischtennis zu spielen. Auch die Bücherei, mit den staubigen Sansevierien in der sauren Erde davor, befand sich hier. Dort standen nun eine Menge Busse; scheinbar wurden Gäste aus mehreren Städten der Umgebung hierher gebracht. Sie schwirrten mit ihren großen Rückspiegeln herum, wie die Insekten.

Mein Platz war vorne, ich wollte gut sehen können. Die ganze Zeit dachte ich, er müsste irgendwo im Gebäude sein. Ich kann das nicht genau beschreiben, aber du kennst sicher das Bauchgefühl, wenn man weiß, das der Andere in seiner Nähe ist. Ein Mensch, den ich so gut wie gar nicht kannte. Ist das nicht verrückt?

Ich beobachtete die Tänzer. Lauter kleine Kinder liefen auf dem Flur hin und her. Eines brachte viele Röcke; ich drückte mich eng an die Wand. Ein Mädchen in weißen Strümpfen weinte, seine Mutter tröstete es. Ich hatte wegen den Strümpfen Mitleid mit der Kleinen. Bereits in der Vorhalle war es schwül und heiß, im Saal aber war die Hitze geradezu unerträglich. Von den Umkleideräumen her kam eine ältere Frau mit mehreren Haarzöpfen in der Hand. Ich schaute ihr nach. Als würde sie Skalpe tragen. Dann rief jemand, dass die Zuschauer an der anderen Tür zu warten hätten. So ging ich zurück in Richtung Eingang. Mir schlug dieser Geruch aus dem Saal entgegen, der gleiche, wie damals bei den Schulfesten. Der Geruch verstaubter Plüschsitze und verschwitzter Kinder. Ich wurde von filmenden Eltern mitgerissen. Ich beobachtete die Lehrer, spähte die Zuschauer aus. Ich schaute mir ihre Gesichter an, eines nach dem anderen. Am Ende der Vorführung ging ich langsam hinaus, vielleicht konnte ich ihn doch noch irgendwo in der Menge entdecken. Er war nicht da.

Am Abend kochte meine Mutter. Sie erzählte, Bekannte, die das Eröffnungsprogramm gesehen hatten, hätten sie angerufen. Das Stadtfernsehen hatte die Vorführung übertragen, auch die Zuschauer waren gezeigt worden. Meiner Mutter nach behaupteten alle, ich hätte mich gar nicht verändert und sähe ganz wie mein Bruder aus. Mama war natürlich stolz darauf, quatschte lauter Blödsinn und gab bei jedem damit an, dass ich bei einer großen Firma arbeitete und im Ausland auf einer Uni gewesen war. Sie war beleidigt, weil ich in einem Motel schlief. Sie fing wieder damit an, dass diese Wohnung – na klar – mir nicht gut genug wäre, und ich mich ihretwegen schämen würde. Und was würden die Leute sagen, wenn sie erführen, dass ich nicht zu Hause schlief. Ich kannte das nur zu gut, diese Platte. Ich antwortete nicht. Es hätte keinen Sinn gehabt, Mama wartete nur auf Stichworter. Warum lässt du nie die Fenster offen – sagte ich um elf und stand auf. Ich bedankte mich für das Abendessen. Sie lüftete, und starrte mich an, wie eine Fremde, als wenn sie mich im Fernsehen sehen würde.

Am nächsten Abend war ich wieder bei der Vorführung, und am dritten Tag auch. Zum Glück liefen die weiteren Programme auf der Freilichtbühne. Das ganze Plätzchen war beleuchtet. Beim Burschentanz pochte mein Herz stärker. Mir kam jenes ehemalige Schulfest in Erinnerung, als ich bemerkte, dass er von der Bühne aus mit seinen Augen nach mir suchte. Er fand mich und ich schaute erschrocken weg. Doch dieses Augenpaar war jetzt nirgendwo.

Am Abend rief ich meine Mutter an. Angeblich war ich schon wieder im Fernsehen gewesen. Sie erzählte, die Frau meines Bruders meinte, ich wäre öfters gezeigt worden. Jetzt aber wollte ich unbedingt nur das finden, was mich hierhergeführt hatte. Allein das rumorte in mir; unmöglich konnte ich abfahren, ohne ihn ein einziges Mal gesehen zu haben. Er musste hier sein. Ich dachte, dann kommt der Ton wieder zurück auf den Bildschirm. Ich werde dann die Glaswand durchbrechen und alles wird anders laufen. Meine Mutter hätte ich vielleicht fragen können, doch das brachte ich nicht fertig. Möglicherweise erinnerte sie sich gar nicht an ihn, sie kannte nur meine Klassenkameraden und erwähnte nur diejenigen, die Kinder bekommen hatten.

Der Freitag ging auch vorüber. Jede Nachmittags- und Abendvorführung schaute ich mir an, kehrte dann taumelnd und verschwitzt ins Motel zurück. Vor meinem Fenster leuchtete die ganze Nacht eine Straßenlaterne. Ob es nun das Licht, die Hitze oder diese Entschlossenheit war, die mich nicht schlafen ließ, weiß ich nicht, aber während der sechs Tage machte ich kaum ein Auge zu.

Am Samstag war der letzte Tag. Busse auf dem Platz, Kleider wurden herumgetragen. Meine Mutter sah mich am Abend schon wieder im Fernsehen, weil es wieder eine Übertragung von der Schlußfeier gab. Sie war aufgeregt, und quasselte mir mit Geschichten über mir völlig unbekannte Verwandte die Ohren voll und fragte ständig nach meiner Meinung. Ich konnte und wollte ihr nicht folgen und sagte, dass ich müde wäre. Samstag war ich noch einmal bei ihr, um zu Mittag zu essen, und stopfte die in Folie verpackten belegten Brote in meine Tasche. Ich flehe dich an, ich bin bald vierzig, – sagte ich, als ich schon im Auto saß; doch meine Worte waren eher an den Rückspiegel gerichtet.

Todmüde kam in Budapest an und konnte es kaum erwarten, mich endlich hinlegen zu können. Die Sandwiches hatte ich weggeworfen. Ich sah meine Mutter vor mir, wie sie unbeholfen dem Auto hinterher winkte. Und dann den langen Drahtzaun von der Gödrös und die staubigen Büsche mit den weggeworfenen Papiertaschentücher. Ich konnte wieder nicht einschlafen. Um Mitternacht schluckte ich eine Schlaftablette, die aber überhaupt nichts half.

Um drei Uhr in der Nacht schreckte ich hoch, weil mein Herz raste. Mir war etwas eingefallen. Merkwürdig, dass ich erst jetzt darauf gekommen war, obwohl es so sehr auf der Hand lag.

Auf Iwiw** gehe ich nie, weil es mich nervt. Nicht nur von den früheren Mitarbeitern werde ich ständig als Bekannte registriert, sondern auch von allen meinen jetzigen Kollegen, denen ich bei den Vorträgen begegne. Die meisten kenne ich nicht einmal vom Aussehen, geschweige von dem Namen her. Ich lösche die Nachrichten und beantworte sie nie. Ich habe nichts zu sagen, zu niemanden.

In dieser Nacht durchzuckte mich die Idee. Ich könnte ja nach ihm suchen.

Bei dem Gedanken, dass er irgendwo im virtuellen Raum existierte und ich ihn anklicken konnte, war ich erneut vom Panik ergriffen.

Was soll ich ihm schreiben, wenn ich ihn finde? Soll ich überhaupt etwas schreiben, oder soll ich mich nur vergewissern, dass er existiert, als wenn ich mit einem großen Atemzug das Glas zwischen uns entfernen könnte.

Ich öffnete die Startseite und klickte auf Suche. Er hatte einen relativ seltenen Namen: Hübner. Ich hatte früher einmal nachgeschlagen, er steht irgendwie mit Pferdebauern im Zusammenhang. Nicht mit Hybris, obwohl das auch schön gewesen wäre. Das passte aber auch zu ihm, zu den Tänzerstiefeln und zum weißen Hemd. Ich konnte mir ihn gut im Sattel sitzend vorstellen.

Den Hübner auf dem weißen Pferd.

Ich gab auch seinen Vornamen und auch die Stadt an. Ein einziger Treffer. Ich klickte darauf.

Das Bild wurde langsam geladen; zuerst wurden seine Haare sichtbar. Seine mittlerweile gräulichen, kurzen Haare, die ich nie im Leben hatte berühren dürfen. Dann kamen seine Augen. Sein Blick. Der hatte sich nicht verändert. Lange betrachtete ich das etwas füllige und zerknitterte Männergesicht. Auf einmal wusste ich gar nicht, was ich mit ihm anfangen könnte, stünde er plötzlich vor mir. Er sah so sehr anders aus und war gleichzeitig meinem Erinnerungsbild so ähnlich. Das Zimmer verstärkte meinen Herzschlag, als bebten die Wände.

Er hatte zweihunderteinundzwanzig Bekannte und drei Kinder. Und auch einen Hund. Er lebte noch immer dort. Was war aus ihm geworden? Ich schaute nach.

Er war Kameramann beim örtlichen Fernsehen.

Das durfte nicht wahr sein. Er hatte dort auf der anderen Seite der Kamera gestanden. Er war die ganze Zeit in meiner Nähe gewesen und hatte mein Gesicht aufgenommen. Er hatte mich im Publikum gefilmt, mich beobachtet und es dann zugelassen, dass ich ohne ein Wort an ihn wieder nach Hause gefahren war, und dass diese ihm zugedachten Sätze in dieser Stadt geblieben waren.

Er hatte es zugelassen, dass ich diese Sätze nicht richtig hatte finden können, nicht einmal dann, als er ein letztes Mal in meiner Nähe gewesen war. Er starrte mir vom Monitor aus entgegen, und ich hatte ihm nichts mehr zu sagen.

* Kann als Orts- und Personenname verstanden werden, Grube, Gruber

** Personen-Such-Programm im Internet

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